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27. Oktober 2009

Rede vor dem Bayerischen Landtag zum richtigen Umgang mit persönlichen Daten und Medienkompetenz

Videoaufzeichnung hier.

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Mit wem flirtet eigentlich mein Freund oder wahlweise meine Freundin? Das wäre einmal eine interessante Frage. Lehrer wollen wissen, ob ihre Schüler vielleicht gerade blaumachen oder ob sie wirklich krank sind. Der Einbrecher hat ein Interesse daran zu erfahren, wo gerade zur Urlaubszeit eine Villa leer steht. Andere machen ihre Beute ohne Brecheisen, zum Beispiel indem sie Konten ausspähen. Vor wenigen Tagen wurde eine Million Datensätze aus dem Netzwerk "SchülerVZ" einem Blog zugespielt. Diese Daten sind etwas wert. Man kann daraus ein genaues Profil von Zielgruppen generieren. So kann man die Namen aller dreizehnjährigen Mädchen aus Grünwald erfahren, auf welche Schule sie gehen, und man kann ihre Bilder erhalten.Leider hat dieser Fall gezeigt, dass auch die Anbieter solcher Netzwerke eine gehörige Lektion in Sachen Datenkompetenz benötigen. Doch selbst ohne Datenklau kann man über Social Networks jede Menge herausfinden, zum Beispiel über die neue Flamme, den neuen Mitarbeiter, den Schwiegersohn in spe usw. Persönliche Daten wecken große Begehrlichkeiten.(Unruhe Glocke der Präsidentin)Wer sich ein Bild von jemandem machen möchte, tut das zunächst über das Internet. Wenn von jemandem ein Bild veröffentlicht wird, auf dem er sich bei einem Komabesäufnis befindet, wird das der mögliche Arbeitgeber entsprechend würdigen und vermutlich nicht der künftige Arbeitgeber sein.Gerade Jugendliche sind sich meistens nicht dessen bewusst, wer ihr Profil einsehen kann.  61 % der
Jugendlichen meinen, ihre Daten nutzen nur Freunde. Nun geben aber die meisten Jugendlichen an, dass sie im Durchschnitt 80 bis 90 Freunde haben. Das ist nicht verwerflich; denn sie kommunizieren quer über den Globus. Sie können also viel einfacher als früher Schüler aus jüngeren Jahrgangsstufen und anderen Schulen kennenlernen, ihr Aktionsradius erweitert sich immens. Das ist für unsere Generation vielleicht ungewohnt, aber das ist im Prinzip nicht verwerflich. Vor allem gestalten die jungen Leute ihr Profil selbst. Wenn sie ihr Profil im Internet gestalten, lernen sie dabei, sich darzustellen. Auch das ist im Job sinnvoll. Sie betätigen sich als Autoren, als Workdesigner, machen kleine Filme, bearbeiten Bilder, sind also in diesem Bereich unheimlich kreativ.Leider geben aber die meisten Jugendlichen auf solchen Plattformen viel zu viel von sich preis. Sie machen intime Geständnisse, die man vor dem Internetzeitalter möglicherweise nicht einmal seinem Pfarrer gebeichtet hätte. Sie stellen auch Fotos von Freunden und von Fremden ohne deren Genehmigung ins Netz. Das ist eine Persönlichkeitsrechtsverletzung. Sie stellen auch Bilder von Fotografen ins Netz, ohne deren Genehmigung dafür zu haben. Das ist dann meistens eine Urheberrechtsverletzung. Man merkt also: Medienkompetenz ist nicht nur eine technische Kompetenz. Das wird oft von der Generation der Eltern und Lehrer übersehen, die sich sagen: Mein Kind ist im Internet so schnell und fix, das kann das schon alles. Dass der Umgang mit dem Internet aber ein gehöriges Maß an sozialer und kultureller Kompetenz erfordert, wird leider viel zu häufig übersehen.Das Internet ist ein hochgradig freiheitliches und demokratisches Medium. Das Netz ist interaktiv, man ist dort selbst Mediengestalter. Es dient auch zum wissenschaftlichen Austausch, zur Kommunikation und zur Unterhaltung. Bei all den immensen Chancen, die das Internet bietet, ist es einfach wichtig, dass gerade Jugendliche die richtige Kompetenz im Umgang mit dem Internet haben. Gerade neue Trends wie CyberMobbing oder Happy Slapping beweisen das. CyberMobbing ist ein Mobbing über das Internet, das eine ganz große Reichweite hat. Es kann von Tausenden von Millionen Menschen gesehen werden. Man weiß nicht, ob und wann diese Daten jemals gelöscht werden. Happy Slapping bedeutet: Auf dem Schulhof werden kleine Filmchen mit dem Handy gedreht, zum Beispiel von
Schlägereien. Die Schüler verschicken das dann. Vielen Eltern und Lehrern ist oft viel zu wenig bewusst, dass das Handy schon längst nicht nur ein Telefon ist, sondern eine, wenn auch winzig kleine, aber in seiner Wirkung gigantische Kommunikationsmaschine.Wir brauchen meines Erachtens eine wirklich groß angelegte Initiative in Sachen Medienkompetenz. Der Medienführerschein ist ganz klar ein wichtiger, erster Schritt in die gewünschte Richtung. Es gibt an Schulen die sogenannten medienpädagogischinformationstechnischen Berater, aber es kommt ein MiB auf ungefähr 45 Schulen. Vieles ist zwar im Lehrplan verankert, aber das wird von Schule zu Schule unterschiedlich umgesetzt. Bei einer Initiative für mehr Medienkompetenz müssten wir ganz stark über die Schulen gehen. Eine Maßnahme wäre Aufklärung bei Infound Spieleabenden für Eltern. Jugendliche brauchen einen Ansprechpartner. Es wäre zu überlegen, ob und inwieweit die neuen Jugendsozialarbeiter an Schulen nicht nur qualitativ verstärkt werden, sondern auch eine Medienkompetenz haben müssen, um über solche Dinge wie CyberMobbing Bescheid zu wissen; denn das sind die Dinge, die Jugendliche sehr stark beschäftigen.Eine weitere Maßnahme wäre, Medienschaffende an Schulen zu holen, damit die Schüler zum Beispiel lernen, wie man kompetent mit Quellen und Informationen umgeht. Meines Erachtens wäre es nicht richtig, einfach das Lernziel Medienkompetenz zu proklamieren, sondern Medienkompetenz muss ein fächerübergreifendes Lernziel sein. So könnten die Schüler im Kunstunterricht Bilder bearbeiten und die Wirkung von Bildern verstehen lernen. Im Erdkundeunterricht könnte man in Google Earth recherchieren, und in allen möglichen Fächern gibt es Ansatzpunkte, wo man sehr viel stärker als bisher mit dem Medium Internet arbeiten könnte. Es gibt aber schon Schulen, die hier durchaus vorbildlich sind, die man als BestPracticeBeispiele verstehen sollte.Meines Erachtens muss der Umgang mit dem Computer zu einer vierten Kulturtechnik werden. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen muss der Computer ganz selbstverständlich zu einer vierten Kulturtechnik in der Schule werden. Wir haben vor Kurzem eine NotebookKlasse in Ottobrunn besucht. Es war wirklich erstaunlich, was die Schüler da tun. Sie recherchieren selbst. Sie bekommen einen umfassenden Überblick über ein Thema, lernen selbstständig zu arbeiten, sind sehr organisiert und präsentieren vor allem das Gelernte. Diese Schüler sind sehr präsentationsstark. An konventionellen Schulen habe ich das in der Art selten gesehen. Es ist wirklich erstaunlich, was dort geschieht. Die Schüler haben gesagt, dass sie morgens zunächst einmal mitbekommen, was das aktuelle Tagesgeschehen ist, und sie haben eine entsprechende Leiste auf dem Bildschirm.Interessant war auch die Antwort, als ich die Schüler gefragt habe, wie sich ihr Mediennutzungsverhalten insgesamt geändert hat. Sie haben gesagt, wir spielen zwar auch noch hie und da am Computer, aber der Computer ist für uns vorrangig ein Arbeitsgerät. Wir sind in unserer Freizeit froh, wenn wir auch einmal etwas anderes tun. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass sie ein sehr kompetentes Mediennutzungsverhalten an den Tag legen.Es wäre ein Ziel das ist natürlich nicht von heute auf morgen zu schaffen und angesichts des Haushaltes eher als langfristiges Ziel zu betrachten , dass irgendwann jeder Schüler ein einfaches Notebook erhält. Bei der Finanzierung müsste man überlegen, inwieweit Industrie oder Stiftungen beteiligt werden können. Das Ganze kann man natürlich nur durchführen, wenn auch die Lehrer eine entsprechende Medienkompetenz haben. Das Wissen muss an den Universitäten vermittelt werden, aber auch die Weiterbildung ist hier gefordert; denn die Entwicklung in diesem Bereich ist schnell. Erforderlich ist vor allem eine andere Methodenkompetenz. Es wäre natürlich falsch, wenn der Lehrer vorn steht und seinen Frontalunterricht erteilt, während hinten die Kinder am Computer spielen. Erforderlich sind vielmehr ein anderes Arbeiten und eine andere Methodik.All das sind Zukunftsvisionen, aber irgendwann müssen wir anfangen, den ersten Schritt zu tun. Wie gesagt, ein erster Schritt war die Einführung des Medienführerscheins. Ich meine aber, dieser Weg muss noch viel weiter gehen. Wir müssen an der Sache dranbleiben; denn, meine Damen und Herren: Dumme Menschen nutzen das Internet, um noch dümmer zu werden, schlaue nutzen es, um noch schlauer zu werden. Es ist wichtig, dass die Eltern und Lehrer über eine angemessene Medienkompetenz verfügen, damit sie die Schüler schlau machen können.
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